Colette Camenisch – Architektin des zweiten Blicks
Stilwelten
Es gibt Berufe, die sich mit dem Sichtbaren beschäftigen, und solche, die das Unsichtbare berühren. Die plastische Chirurgie bewegt sich zwischen beiden Welten. Sie arbeitet an Konturen, Proportionen und Geweben, berührt dabei jedoch immer auch Selbstbilder, Hoffnungen und Geschichten.
Wer die Praxisräume von Dr. med. Colette Camenisch in Zürich betritt, begegnet deshalb nicht nur einer Chirurgin, sondern einer Frau, die sich seit Jahren mit einer der ältesten Fragen der Menschheit auseinandersetzt: Was bedeutet Schönheit eigentlich? Die Antwort fällt bei ihr überraschend zurückhaltend aus. In einer Zeit, in der Schönheit oft laut inszeniert wird, in der Filter Gesichter glätten und soziale Medien vermeintliche Perfektion zur alltäglichen Währung gemacht haben, spricht Colette Camenisch von Natürlichkeit. Von Balance. Von Harmonie. Worte, die beinahe altmodisch wirken und gerade deshalb eine neue Ak-tualität erhalten. Vielleicht liegt darin das Besondere ihrer Arbeit. Sie versteht Schönheit nicht als Herstellung eines Ideals, sondern als Wiederannäherung an die eigene Persönlichkeit. Ihre Patientinnen und Patienten kommen nicht selten mit dem Wunsch nach Veränderung. Was sie häufig suchen, ist jedoch etwas anderes: Übereinstimmung. Die Möglichkeit, dass das Spiegelbild wieder jenem inneren Bild entspricht, das über Jahre hinweg von Erfahrungen, Alterungsprozessen oder Lebensereignissen überlagert wurde.
Colette Camenisch kennt diese Geschichten. Seit Jahrzehnten bewegt sie sich in einem Fachgebiet, das wie kaum ein anderes zwischen Ethik, Ästhetik, Medizin und Psychologie angesiedelt ist. Ihre Ausbildung führte sie an renommierte Kliniken im In- und Ausland. Doch wer mit ihr spricht, gewinnt schnell den Eindruck, dass technische Perfektion nur die Voraussetzung ihrer Arbeit ist, nicht deren Ziel. Ihr Interesse gilt dem Menschen hinter dem Eingriff. Vielleicht erklärt sich daraus auch ihre Haltung gegenüber Trends. Während sich ästhetische Moden in immer kürzeren Zyklen verändern und soziale Plattformen neue Schönheitsnormen hervorbringen, verfolgt sie einen bemerkenswert konstanten Ansatz. Schönheit, so scheint ihre Überzeugung, entsteht nicht durch Übertreibung. Sie entsteht dort, wo Individualität bewahrt bleibt. Es ist ein Gedanke, der an die grosse
Tradition europäischer Gestaltung erinnert. An Architektur, die nicht dominiert, sondern Räume schafft. An Design, das nicht Aufmerksamkeit verlangt, sondern Qualität ausstrahlt. An Handwerk, dessen höchste Kunst darin besteht, nicht sichtbar zu werden. In diesem Sinne ähnelt ihre Arbeit der eines Restaurators. Nicht im technischen Sinn, sondern in der Haltung. Es geht nicht darum, einen Menschen neu zu erfinden. Es geht darum, etwas freizulegen, das bereits vorhanden ist.
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Aber vor allem möchte Colette Camenisch die Individualität ihrer Patienten fördern und unterstützen. In ihrem Buch «Mein Kunsthandwerk – Plastische Chirurgie» gewährt sie Einblicke in diese oft missverstandene Welt. Es ist kein Fachbuch im klassischen Sinn, sondern vielmehr eine Reflexion über Verantwortung, Vertrauen und die Begegnung mit Menschen in besonders sensiblen Lebensphasen. Zwischen Operationssaal und Sprechzimmer entsteht das Bild einer Ärztin, die ihr Fachgebiet nicht als Geschäft, sondern als Berufung versteht.
Schönheit ist längst kein rein privates Thema mehr. Sie ist kulturelles Phänomen, wirtschaftlicher Faktor und sozialer Spiegel zugleich. Fragen nach Selbstoptimierung, Authentizität und Identität prägen ganze Generationen. Die ästhetische Medizin steht dabei im Zentrum eines Diskurses, der weit über Operationssäle hinausreicht. Wer mit Colette Camenisch über diese Entwicklungen spricht, begegnet keiner Verfechterin grenzenloser Veränderbarkeit. Vielmehr spricht sie von Mass, von Selbstannahme und von der Bedeutung realistischer Erwartungen. Ihre Perspektive ist die einer Medizinerin, die täglich erlebt, wie eng Körperbild und Lebensqualität miteinander verbunden sein können. Dabei bleibt eine Beobachtung besonders interessant: Die erfolgreichsten Eingriffe sind oft jene, die niemand bemerkt. Nicht weil sie unsichtbar wären, sondern weil sie selbstverständlich wirken. Weil sie die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen, sondern auf den Menschen, der sie trägt. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst ihrer Arbeit.
In einer Welt, die ständig nach dem Neuen sucht, wirkt diese Denkweise fast radikal. Colette Camenisch verändert Menschen nicht, um sie jemand anderem ähnlicher zu machen. Sie begleitet sie auf dem Weg zurück zu sich selbst. Am Ende bleibt deshalb weniger das Bild einer Schönheitschirurgin als jenes einer aufmerksamen Beobachterin des Menschlichen. Einer Ärztin, die mit Skalpell und Erfahrung arbeitet, deren eigentliches Instrument jedoch das Verständnis für Menschen ist.
Ich gestalte nicht nur Körperbilder, sondern auch mein eigenes Ich. Dabei stehen Ethik und Ästhetik für mich in einer sensiblen Wechselbeziehung.»
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Bevor Colette Camenisch sich der plastischen Chi-rurgie verschrieb, führte sie ihr Weg für mehrere Monate nach Indien. Die Begegnung mit einer Kultur, in der Schönheit, Spiritualität und gesellschaftliche Realität oft unmittelbar nebeneinanderstehen, prägte ihren Blick nachhaltig. Fernab westlicher Perfektionsideale erlebte sie, wie unterschiedlich Menschen ihren Körper, ihr Alter und ihre Identität wahr-nehmen. Die Zeit in Indien wurde für sie zu
einer Schule der Beobachtung – und vielleicht auch zu einer frühen Lektion darüber, dass wahre Schönheit weniger mit Makellosigkeit als mit Ausstrahlung, Würde und Persönlichkeit zu tun hat.
Welche Eindrücke aus dieser Erfahrung begleiten Sie bis heute und wie haben sie Ihren Blick auf Schönheit und den Menschen geprägt?
2003 verbrachte ich einen Sommer auf der Kieferchirurgie in Hyderabad, Indien. Diese Zeit hat mich kulturell, menschlich und medizinisch tief geprägt. Damals fragte ich mich gelegentlich, ob Ästhetik nicht letztlich ein Luxusproblem sei. In Indien wurde mir jedoch deutlich, dass Schönheit und ästhetische Integration weit mehr bedeuten. Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten wurden häufig ausgegrenzt, hatten schlechtere Bildungs- und Zukunftschancen und litten unter gesellschaftlicher Stigmatisierung. Das hat mir gezeigt, wie wichtig Zugehörigkeit und Akzeptanz für den Menschen sind. Ästhetik bedeutet deshalb für mich nicht Oberflächlichkeit. Sie kann Selbstwert, Würde und soziale Integration entscheidend beeinflussen. Indien hat meinen Blick auf die plastische Chirurgie nachhaltig verändert. Oft geht es nicht darum, ein Aussehen zu verändern, sondern Menschen dabei zu helfen, selbstverständlich am Leben teilzunehmen und ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden.
In einer Zeit, in der Schönheitsideale zunehmend durch soziale Medien definiert werden: Wie hat sich das Verständnis von Schönheit in den letzten zwanzig Jahren verändert?
Ich bin nicht sicher, ob sich unser Verständnis von Schönheit grundlegend verändert hat. Schönheitsideale gab es schon immer, und der Wunsch, attraktiv zu sein, ist zutiefst menschlich. Verändert hat sich vor allem die Intensität der Konfrontation mit diesen Idealen. Früher begegnete man ihnen in Zeitschriften oder im Fernsehen, heute sind sie rund um die Uhr auf dem Smartphone präsent. Dadurch ist der Druck gestiegen, bestimmten Vorstellungen entsprechen zu müssen. Gleichzeitig haben Filter, Bildbearbeitung und künstliche Perfektion Erwartungen geschaffen, die oft wenig mit der Realität zu tun haben. Für mich bedeutet Schönheit deshalb heute mehr denn je Authentizität. Die Aufgabe der ästhetischen Medizin sollte nicht sein, Menschen einem Ideal anzupassen, sondern ihre individuelle Ausstrahlung zu unterstreichen.
Viele Menschen verbinden plastische Chirurgie noch immer mit Eitelkeit. Was wird dabei Ihrer Erfahrung nach am häufigsten missverstanden?
Das ist ein grosses Missverständnis. Für mich ist sie in erster Linie ein medizinisches Werkzeug. Sie hilft Menschen, angeborene Besonderheiten, Asymmetrien oder Unfallfolgen zu korrigieren, unter denen sie leiden. Dabei geht es oft weniger um Schönheit als um Wohlbefinden, Selbstvertrauen und Lebensqualität. Niemand muss sich operieren lassen. Unsere
Aufgabe ist nicht, gesellschaftliche Ideale durchzusetzen, sondern Menschen verantwortungsvoll zu begleiten, die sich Unterstützung wünschen. Letztlich geht es um Selbstbestimmung. Wer unter einer Veränderung leidet, sollte die Möglichkeit haben, qualifizierte Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Ich trete nicht als die weibliche Chirurgin auf, sondern als Colette Camenisch – mit der Freiheit, auch meine ästhetische Seite zu leben.
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Sie sprechen oft von Natürlichkeit und Harmonie. Woran erkennen Sie, dass ein ästhetischer Eingriff gelungen ist?
Ein ästhetischer Eingriff ist für mich dann gelungen, wenn er nicht als solcher erkannt wird. Die höchste Kunst besteht darin, etwas zu verbessern, ohne dass man genau sagen kann, warum jemand frischer oder harmonischer wirkt. Bei einem gelungenen Facelift sollte man denken: Sie sieht erholt aus – nicht: Sie hatte ein Facelift. Natürlichkeit bedeutet, dass das Ergebnis zur Person passt. Gesichtszüge, Proportionen und Ausstrahlung sollten respektiert und nicht durch standardisierte Schönheitsideale ersetzt werden. Die besten Ergebnisse erkennt man oft nur daran, dass ein Mensch selbstbewusster, entspannter und zufriedener wirkt.
Gibt es einen Unterschied zwischen dem Wunsch nach Veränderung und dem Wunsch, wieder mehr sich selbst zu sein?
Ja, und zwar einen sehr wichtigen. Der Wunsch nach Veränderung bedeutet oft, jemand anderem oder einem Ideal näherkommen zu wollen. Der Wunsch, wieder mehr sich selbst zu sein, hat eine andere Qualität. Viele Patientinnen und Patienten sagen nicht: Ich möchte anders aussehen, sondern: Ich möchte wieder so aussehen, wie ich mich fühle. Gerade im Gesicht erleben Menschen häufig eine Diskrepanz zwischen ihrem inneren Empfinden und dem Bild im Spiegel. Nach Schwangerschaften, starker Gewichtsabnahme oder durch den Alterungsprozess kann diese Übereinstimmung verloren gehen. Dann geht es nicht um eine neue Identität, sondern um die Rückkehr zu sich selbst. Die schönsten Ergebnisse empfinde ich deshalb oft nicht als Veränderung, sondern als Wiedererkennen.
Ihr Buch trägt den Titel «Mein Kunsthandwerk – Plastische Chirurgie». Weshalb verstehen Sie Ihre Arbeit als Kunsthandwerk und nicht ausschliesslich als medizinische Disziplin?
Die plastische Chirurgie basiert auf Medizin, Anatomie, Wissenschaft und chirurgischer Erfahrung. Ohne dieses Fundament wäre sie nicht verantwortungsvoll auszuüben. Gleichzeitig arbeiten wir an Form, Proportion, Symmetrie und Harmonie des menschlichen Körpers. Deshalb braucht es neben Fachwissen auch ästhetisches Verständnis und handwerkliches Können. Ich empfinde meine Arbeit als Kunsthandwerk, weil jeder Eingriff individuell ist. Kein Gesicht und kein Körper gleicht dem anderen. Es gibt keine Schablone, sondern nur die Aufgabe, für jeden Menschen die passende Lösung zu finden. Technik kann man lernen. Schwieriger ist das Gespür für Proportionen, Natürlichkeit und den richtigen Zeitpunkt, aufzuhören. Deshalb sehe ich die plastische Chirurgie als Verbindung von Wissenschaft, Handwerk und Ästhetik.
Wo verlaufen für Sie die ethischen Grenzen der ästhetischen Medizin, und wann sagen Sie bewusst Nein?
Die Grenze verläuft dort, wo ein Eingriff dem Patienten nicht mehr dient. Ich sage Nein, wenn ein Wunsch medizinisch nicht sinnvoll ist, zu einem unnatürlichen Ergebnis führen würde oder nicht zur Person passt. Besonders wichtig ist mir die emotionale und psychische Stabilität des Menschen. Wer sich in einer schweren Lebenskrise befindet oder hofft, durch eine Operation grundlegende Probleme lösen zu können, braucht oft etwas anderes als einen Eingriff. Eine Brustoperation kann das Körpergefühl verbessern, aber kein geringes Selbstwertgefühl heilen. Wenn Erwartungen unrealistisch sind, führe ich offene Gespräche oder lehne eine Behandlung ab. Das Nein gehört für mich zur ärztlichen Verantwortung. Manchmal besteht die beste Behandlung darin, nicht zu operieren.
Welche Rolle spielen psychologische Faktoren in Ihren Gesprächen mit Menschen, die einen ästhetischen Eingriff wünschen?
Psychologische Faktoren spielen eine zentrale Rolle. Die Beweggründe eines Patienten interessieren mich oft genauso sehr wie die anatomischen Voraussetzungen. Ich möchte verstehen, warum jemand einen Eingriff wünscht. Geht es um langjährigen Leidensdruck, Veränderungen nach einer Schwangerschaft oder die Hoffnung, ein tiefer-liegendes Problem zu lösen? Die meisten Menschen haben realistische Erwartungen und wünschen sich keine Verwandlung, sondern eine Verbesserung. Gleichzeitig achte ich da-rauf, ob der Wunsch aus eigener Überzeugung entsteht oder vor allem von äusserem Druck geprägt ist. Die entscheidende Frage lautet oft nicht: Was möchten Sie verändern?, sondern: Was erhoffen Sie sich davon? Die Antwort zeigt meist, ob ein Eingriff sinnvoll ist. Am Ende operiere ich keine Brust und kein Gesicht – ich behandle immer einen Menschen. Deshalb ist das Gespräch mindestens so wichtig wie die Operation selbst.
Sichtbare Weiblichkeit im chirurgischen Alltag ist für mich kein Statement, sondern Ausdruck meiner Persönlichkeit.
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Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Wie wird sich die plastische Chirurgie in den kommen-den Jahren verändern?
Ich hoffe, dass sich die plastische Chirurgie weiter in Richtung Individualisierung und Regeneration entwickelt. Besonders spannend finde ich Biostimulatoren, Fetttransplantationen, Stammzellforschung und neue Ansätze der Geweberegeneration. Statt Volumen einfach zu ersetzen, werden wir zunehmend versuchen, die biologischen Prozesse von Haut und Gewebe positiv zu beeinflussen. Auch die Verbindung von Longevity-Medizin, Hormonmedizin, Ernährung, Bewegung und ästhetischer Medizin wird wichtiger werden. Mit Skepsis betrachte ich die zunehmende Kommerzialisierung und die Geschwindigkeit, mit der Trends über soziale Medien verbreitet werden. Nicht jede virale Behandlung ist automatisch medizinisch sinnvoll. Ich wünsche mir eine Zukunft, die von Qualität, Sicherheit und Individualität geprägt ist – nicht von immer extremeren Veränderungen.