Eine Stadt erinnert sich – Ein Essay

Maarit Ströbele 10.07.2026

6 Minuten

Im Fokus
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Eine Stadt erinnert sich –  Ein Essay
Wenn Städte funktionieren, aber nichts mehr erzählen … oder tun sie es doch? Immer wieder anders gedachte und umgenutzte Strukturen faszinieren und zeigen: Stadt ist eine Erzählung, die nicht endet und die in vielen Strukturen weitergeschrieben wird.

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Ein Tram quietscht. Menschen unterhalten sich. Autorauschen, Blätterrascheln. In der Ferne eine Sirene, ein knatterndes Motorrad, Besteckklimpern, der pumpende Bass eines Hiphopsongs, irgendwo Fetzen symphonischer Geigenklänge, Kinderstimmen. So oder ähnlich tönt die Geräuschkulisse einer Strassenecke in Zürich Wipkingen am frühen Abend. Ein gemischt genutztes Zürcher Stadtquartier mit Wohnungen, Läden, Supermärkten, einzelnen Büros und Schulen. Viele Gebäude der Jahrhundertwende, oft im Blockrand, dazwischen einzelne neuere Häuser aus den 1960ern, 1990ern oder erst kürzlich erstellt. Vor etwa 125 Jahren tönte es dort ganz anders. Es gab keine Autos, mehr Menschen, Pferde, keine Computer oder Stereoanlagen. Die Strassen waren nicht asphaltiert, sondern teils staubig, teils mit Steinen gepflastert, Kutschen ratterten darüber.

Was fasziniert: Die gleichen Gebäude, Strassen und Plätze sind heute völlig anders genutzt, gefallen aber immer noch – oder wieder – vielen Menschen. Quartiere wie Wipkingen werden als atmosphärisch dicht beschrieben. Menschen, die an solchen Orten wohnen oder arbeiten, fühlen sich dort meist wohl. Woran liegt das? Was macht einen Ort zu einem, an dem man sich geborgen fühlt?

Das Thema dieses Magazins, «Form follows Aesthetics», könnte dazu verleiten, eine Stadt an ihren Gebäuden, ihren Formen festzuhalten. Man könnte sogar meinen, die richtige Form allein genüge, um «gute Stadt» zu bauen. Doch die lange Geschichte der unterschiedlichen Nutzungen von Stadtquartieren zeigt: Menschen verändern im Lauf der Zeit die vorgefundenen Strukturen. Durch die Marktgasse in der Zürcher Altstadt spazieren heute Touristen, am Rindermarkt stapft man nicht mehr durch Kuhfladen, sondern an Restaurants und Läden vorbei. Hinterhofgebäude in Aussersihl wurden von Pferdeställen oder Schlossereien zu Anwaltskanzleien und Architekturbüros. Statt in nackt gepflegter Erde wachsen Strassenbäume aus Vierecken mit Wildblumen und vom Guerilla-Gärtner-Pionier Maurice Maggi ausgesäte Stockrosen. Industriehallen wurden umgebaut oder ersetzt, beherbergen teure Wohnungen in aufgepfropften Türmen, unten Fitnessstudios, eine Kunsthochschule, Supermärkte, Büros. Die Nutzungen ändern sich, die Form bleibt – und wird allenfalls modifiziert. Auch die Menschen kommen und gehen, weil sie wollen, weil es attraktiv ist oder weil sie müssen – wegen zu hohen Wohnungspreisen.

Zurück zum Fühlen. Ästhetik wird heute meist über das Aussehen definiert, doch der ursprüngliche Begriff aisthanomai (griechisch: αἰσθάνομαι) heisst in erster Linie fühlen, spüren. Genau darum geht es im Leben, nicht nur in der Architektur. Und zwar mit allen Sinnen. Wenn ein Baby die Welt entdeckt, fühlt, sieht und hört es und macht im Gehirn seine Schlussfolgerungen. Erwachsene sind gar nicht so anders: Sie haben oft einfach weniger Zeit für Neues, sind sich vieles schon gewohnt, denken nicht mehr darüber nach und haben deshalb weniger Interesse, Dinge neu zu entdecken. Aber wenn wir es tun, gehen wir ähnlich vor wie die Kinder. Anschauen, und zwar von allen Seiten, und wir verspüren diesen Drang, etwas zu berühren, etwas sinnlich zu erfahren.

Wie fühlt ein Mensch die Stadt? Spielt das überhaupt eine Rolle? Vermutlich schon. Psychologen erforschen, was Menschen gefällt – und stellen ihr Wissen den Architekten zur Verfügung. Geborgen möchten sich Menschen in ihren Räumen fühlen. Natur, Kühle und Grün gefallen auch. Biophilia, Lebensliebe, wird das genannt. Architekten haben ihre eigenen Vorstellungen davon, wie eine Stadt auszusehen hat – teils decken sie sich mit den Forschungsergebnissen der Soziologie und Psychologie, teils nicht. Lang ist die Liste der Kritik an den wuchernden Grossstädten des 19. Jahrhunderts und später am Städtebau der Moderne. Man beklagte einen Verlust der alten Zeit, der Überschaubarkeit und stellte fest, dass sich die Bewohner von ihren Wohnorten entfremdeten, sie zu anonym fanden. Was auffällt: Solche Gedanken kamen oft in Zeiten, in denen sich viel änderte, die Wirtschaft brummte, die Städte wuchsen. Veränderung macht unsicher, aber fasziniert zugleich. So auch heute.

Das grosse Stadtwachstum der Industrialisierung und die damit wachsenden Infrastrukturen wie Strassen und Eisenbahnen schufen Tatsachen, mit denen man irgendwie umzugehen versuchte. Kein Wunder, kam in dieser Zeit der organisierte Städtebau auf, die Stadtplanung und später die Raumplanung über grössere Gebiete. Und statt alles gemischt und für Fussgänger zu planen, wie man es bis anhin gemacht hatte, kam vor rund 100 Jahren ein neues Stadtplanungsinstrument auf: das Auto. Planer nahmen die Welt durch die Windschutzscheibe wahr, mit hoher Geschwindigkeit. Da störte die alte, fussgängergerechte Kleinteiligkeit. Die Charta von Athen, 1933 vom Congrès International de l’Architecture Moderne beschlossen, legte fest, wie es in Zukunft gehen soll: funktionsgetrennt und autogerecht. Die arbeitenden Männer tagsüber in den Arbeitsgebieten, die Frauen daheim. Es dauerte, bis diese Vorstellungen vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern umgesetzt wurden. Autobahnschneisen schnitten tief in Städte hinein, Kriegsbrachen wurden als Chance für einen Neuanfang betrachtet, das Einfamilienhaus im Grünen war für grössere Kreise erschwinglich und erwünscht.

Dahinter liegt der Gedanke, dass die Funktion bestimmt, wie etwas aussehen soll – und alles nur einen einzigen Zweck haben soll. Monofunktional und reduziert auf das Wesentliche also. Für Produktdesign ein zentraler Leitsatz, doch vielleicht weniger für die chaotische Megastruktur unseres Alltags, die wir Stadt nennen.

Lucius Burckhardt, Alexander Mitscherlich, Jane Jacobs und andere sahen genauer hin und machten Mitte des 20. Jahrhunderts darauf aufmerksam, dass der funktionsgetrennte Auto-Städtebau wenig einladend ist und dass in der Veränderung, der Umnutzung, dem Ungeplanten auch ästhetische Kraft liegt. Denn die Beispiele zu Beginn dieses Textes machen deutlich: In der Stadt können sich Funktionen ändern, aber Formen bleiben. Was heute hochgezogen wird, ist ebenso Resultat aktueller Trends, Baureglemente, Nutzungen und gesellschaftlicher Vorstellungen wie das, was aus früherer Zeit übrig geblieben ist. Das gilt auch für den Umgang mit der funktionsgetrennten Stadt.

Besonders schön zu beobachten ist dies jenseits des Milchbucks in Zürichs Norden. Ehemalige Industriegebiete und Arbeiterquartiere, von Affoltern und Oerlikon über Seebach bis nach Schwamendingen, haben sich gewandelt und präsentieren sich heute gewissermassen als Freilichtmuseum der städtebaulichen Idealvorstellungen und architektonischen Trends, von der Zeilenbau-Wohnsiedlung mit Abstandsgrün über die Fabrik bis zum eleganten Wohnhochhaus und der Genossenschaftssiedlung mit dem Anspruch, an das Gefühl gentrifizierter Stadtquartiere des 19. Jahrhunderts anzuknüpfen. Ob das alles schön ist, liegt im Auge des Betrachters. Das «Stadtfühlen» funktioniert am besten zu Fuss, spazierend, ohne Windschutzscheibe, denn dabei fallen abwechslungsreiche Ecken ebenso auf wie endlos scheinende langweilige Strecken entlang geschlossener Fabrikfassaden, in die man nicht hineinsieht. Wer sich dem Stadtraum aussetzt, fängt an darüber nachzudenken, was denn nun schön sein sollte oder nicht. Die Widersprüche des Zürcher Nordens – und der Moderne – tauchen auf beim Spaziergang durch den neuen Ueberlandpark in Schwamendingen. Nah am Himmel, wo die Flugzeuge aufsteigen, spaziert man durch kuratiert biodiverse Vegetation, hört Bienen summen, Kinder lachen, gerät ins Schwitzen, weil es wenig Schatten gibt, und fragt sich, ob sie das ist, die Multitasking-Stadt des 21. Jahrhunderts, auf dem Autobahndeckel zwischen Ersatzneubau-Baukranen und all dem, was vorher schon da war.

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Maarit Ströbele, Raumplanerin, Politikwissenschaftlerin und Journalistin, ist Redaktorin bei Hochparterre und dem Schweizer Jahrbuch für Landschaftsarchitektur Anthos. Sie studierte Raumplanung an der ETH Zürich, Politikwissenschaften an den Universitäten Zürich und Turin und promovierte über den Zusammenhang von Wahlverhalten und Suburbanisierung am Europäischen Hochschulinstitut EUI bei Florenz. Neben der redakti-onellen Tätigkeit lehrte sie über zehn Jahre an der Universität Luzern, hat einen Lehr-auftrag für Stadtsoziologie am CUREM der Universität Zürich und hält Gastvorlesungen und Kritiken an weiteren Hochschulen.

Die Nutzungen ändern sich, die Form bleibt – und wird allenfalls modifiziert.