Max Küng – Die Würde der kleinen Dinge

Max Küng 10.07.2026

5 Minuten

Im Fokus
Auf Facebook teilen! Auf LinkedIn teilen!
Link kopiert!
Max Küng – Die Würde der kleinen Dinge

Im Fokus

Immer wieder staune ich, in welchem Missverhältnis das Kochen zum Essen steht. Stundenlang stehe ich in der Küche, brate an, lösche ab, schneide und schnetzle, hacke und backe. Tags zuvor tätigte ich bereits die nötigen Einkäufe, noch früher habe ich mir reiflich überlegt, was ich denn kochen könnte. Gerne schreibe ich dann auch eine Menükarte, von Hand und mit verschnörkelter Schrift wie in einem dieser altmodischen Restaurants, in denen man sich nicht mit einem in Plastikfolie eingeschweissten QR-Code begnügt, damit man die digitale Speisekarte auf dem Handy durchscrollen kann.

Ich koche also, schaue, dass der Champagner kaltgestellt und der Rotwein bereits offen ist. Dann kommen die Gäste, setzen sich an den Tisch, das Essen geht los – und alles ist alsbald verspeist, aufgegessen, verputzt, verschlungen. Man könnte nun nüchtern sagen: Es ist nicht besonders effizient, einen solchen Aufwand zu betreiben für die kurze Zeit des Zusammenseins. Die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt ungünstig aus. Aber ich denke, genau darum geht es! Denn einerseits ist Effizienz ohnehin überschätzt, wir sollten ihr stets mit kritischer Haltung begegnen. Andererseits sind wir ihr ständig ausgeliefert, im Alltag und im Beruf – und wie mich dünkt: immer mehr. Genau deshalb ist es so gesund (wenigstens für mich und mein Seelenheil), Zeit in etwas zu investieren, das man liebt – Aufwand zu betreiben für jene Menschen, die einem am Herzen liegen.

Es gibt eine merkwürdige Tendenz unserer Zeit, alles nach seinem unmittelbaren Nutzen zu bewerten. Was bringt es? Wie viel Zeit kostet es? Lohnt sich der Aufwand? Ein schön gedeckter Tisch für ein Abendessen hat keinen praktischen Mehrwert, den man in einer Excel-Tabelle festhalten könnte. Er ist ein flüchtiges Investment ohne quantifizierbaren Gewinn. Man könnte sogar behaupten: eine Verschwendung von Ressourcen! Und doch verändert er etwas. Nicht nur für die Gäste, sondern auch für den Gastgeber. Wer ein Essen kocht und den Tisch vorbereitet, trifft eine kleine Entscheidung: Dieser Abend ist nicht irgendein Abend. Diese Menschen sind nicht irgendein Besuch. Das gemeinsame Essen ist mehr als die Aufnahme von Kalorien.

Man könnte sagen, dass die Aufmerksamkeit, die wir den Dingen schenken, ihnen eine Bedeutung verleiht. Dies gilt nicht nur für ein Abendessen, nicht nur für einen schön gedeckten Tisch. Es gilt für vieles: Für die Tasse Kaffee, die man nicht hastig «to go» trinkt, sondern am Fenster sitzend. Für den Umweg, den man auf dem Weg zur Arbeit durch den Park nimmt. Für die fünf Minuten, in denen man eine Nachricht schreibt, die länger ist als «Alles in Ordnung». Für die eine Strassenbahn, die man auslässt, um einfach ein paar Minuten an der Station zu stehen und einen Blick auf die Welt zu richten, die einen umgibt – und die unspektakulär erscheinen mag, aber doch voller Schönheit ist (so man gewillt ist, sie zu sehen).

Die grossen Ereignisse des Lebens geschehen selten: Hochzeiten, runde Geburtstage, Umzüge, neue Arbeitsstellen. Der Alltag dagegen erscheint jeden Morgen pünktlich. Er ist hartnäckig, zuverlässig und in seiner schieren Menge überwältigend. Wenn das Leben zum grössten Teil aus Alltag besteht, wäre es doch seltsam, ihm jede Form von Aufmerksamkeit zu verweigern und auf die wenigen Höhepunkte zu warten.

Vielleicht liegt ein Missverständnis darin, dass wir Bedeutung oft mit Grösse verwechseln. Dabei entstehen viele Erinnerungen aus vergleichsweise unspektakulären Momenten. Ein Abendessen, das länger dauert als geplant. Ein Gespräch, das vom Wetter ausgeht und plötzlich bei den wichtigen Fragen des Lebens landet. Das Licht während des Sonnenuntergangs oder der Geruch der Luft, wenn der Sommerregen einsetzt. Das Geräusch der Gläser, wenn man sich zuprostet.

Niemand wird später über eine Einladung sagen: «Beeindruckend war damals vor allem die effiziente Organisation des Abends. Hat alles am Schnürchen geklappt. Tipptopp!» Man erinnert sich an anderes. An die Atmosphäre. An die Sorgfalt. An das stille Signal: Jemand hat sich Mühe gegeben, weil er dies konnte und wollte, weil es ihm nicht gleichgültig war.

Es gibt eine Form von Grosszügigkeit, die nichts mit Geld zu tun hat. Sie zeigt sich in kleinen Gesten. In der Art, wie man einen Tisch deckt. Wie man Brot in einen Korb legt, statt die Verpackung auf den Tisch zu stellen. Wie man sich Zeit nimmt für Dinge, die man auch schneller erledigen könnte. Oder auch bei kleinen Dingen sich selbst gegenüber, etwa indem man sich morgens ein paar Sekunden Zeit nimmt, das Bett zu machen, das Duvet zu schütteln, zu falten, die Decke zu drapieren. Solche Handlungen verändern nicht die Welt. Aber sie verändern einen kurzen, kleinen Moment – und die Zeit darüber hinaus. Und manchmal ist das bereits erstaunlich viel. Denn das Leben besteht am Ende nicht nur aus den Dingen, die passiert sind. Es besteht auch aus der Art und Weise, wie wir ihnen begegnet sind. Ein schön gedeckter Tisch ist deshalb kein Dekorationsprojekt. Er ist eine kleine Verbeugung vor der Wichtigkeit des scheinbar Nichtigen: dem Augenblick. Und der Augenblick – das zeigt die Erfahrung immer wieder – hat die erstaunliche Fähigkeit, sich zu vermehren, wenn man ihm die Aufmerksamkeit schenkt, die er verdient. Und daraus entsteht dann vielleicht das, was manche Glück nennen.