Nachtträume – Ein stück von Marcos Morau
Kunst
Ein riesiger runder Tisch. Ein überdimensionierter Kronleuchter. Eine rätselhafte Königin, schillernd, glitzernd, dunkel, dämonisch-verführerisch. Eine Einladung zum Fest. Zu einem Traum von einem Fest. Oder zu dessen Albtraum? Und alle kommen, folgen dem Ruf, dem Sog, der Verführung dieser machtvollen, diabolischen Geste. Kommt und seid mein. Kommt und hört auf, ihr selbst zu sein. Kommt und reiht euch ein, verwachst miteinander, löst euch auf in einer Masse, die nur ein Gesicht kennt. Das gleiche, das du hast. Und der Nachbar rechts und links und vor dir und hinter dir. Ihr seid wie Schafe. Ihr könnt den Kopf verlieren oder erleuchtet werden. Ihr könnt euch danach sehnen, mir zu gleichen. Doch gleich wie ich werdet ihr niemals sein. Ich halte die Fäden in der Hand, ich spiele mit euch, manipuliere euch. Ihr könnt zerren und ziehen, euch winden und versuchen, aus dem Knäuel der grossen gefährlichen Weltwirrnis herauszukriechen. Ich lache über euch, ich singe für euch, ich lulle euch ein mit Worten, denen ihr euch nicht entziehen könnt. Ihr seid ausgeliefert. Ihr wollt es. Und ihr liebt es. Denn ihr liebt mich. Und alles wird in dieser Nacht möglich sein.
So könnte es vielleicht klingen, wenn man den Versuch unternehmen würde, die neunzigminütige Ballettkreation «Nachtträume» zu beschreiben, die Marcos Morau im September 2022 fürs Zürcher Ballett schuf. Da war der damals Neununddreissigjährige aus Valencia schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr in der Welt des Tanzes – und doch irgendwie immer noch ein Geheimtipp. Er, der niemals Tänzer gewesen war, sondern in New York und Barcelona Fotografie, Theaterdramaturgie und Choreografie studiert hatte, konnte zu diesem Zeitpunkt schon mehr als vierunddreissig Bühnenwerke vorweisen, die er entweder für sein eigenes Ballettkollektiv La Veronal schuf oder für renommierte Tanzkompanien in ganz Europa bis hinüber nach Amerika. Ein stringenter Personalstil mit hohem Wiedererkennungseffekt zeichnet seine Werke aus, die sich virtuos an den Schnittstellen zwischen Tanztheater und Oper, Bildkunst und Sprechtheater bewegen. Dabei lotet Marcos Morau stets aufs Neue die Möglichkeiten aus, um über seine Kunst mit der sich immer rascher verändernden Lebenswirklichkeit in Kontakt zu bleiben.
In «Nachtträume» sind es die Strukturen von Macht und Ohnmacht, von Gleichschalten und -walten, von Besitz und Gier, Neid und Hass und der Hoffnung oder dem Wahn, all dem entkommen zu können, was der spanische Choreograf mit messerscharfer Präzision ausleuchtet. Dabei bedient er sich eines aussergewöhnlichen Bewegungsvokabulars, dessen Akkuratesse atemberaubend ist, wobei die Natürlichkeit der ineinanderfliessenden Abläufe, die oft scheinbar gegen den Körper arbeiten, zugleich vertraut sind und etwas Verstörendes haben. Und auch wenn Marcos Morau stets eine klare Vorstellung hat, was er zeigen möchte, und sich dieser Idee gemeinsam mit den Tänzerinnen und Tänzern in einem intensiven Prozess annähert, der Workshops und individuelle Kennenlernphasen miteinschliesst, bleibt die Interpretationsmacht doch beim Publikum. Sich angesprochen fühlen von Bildern, die an die eigene Lebenswelt erinnern, oder befremdet, weil ein Spiegel vorgehalten wird, in dem wir uns selbst durch Moraus Augen betrachtet und beobachtet fühlen.
Die Türen, die im Probenprozess weit aufgestossen werden, bleiben bis zum letzten Moment offen. «Ich sage meinen Tänzerinnen und Tänzern, dass wir uns in einem Korridor voller offener Türen befinden, von denen wir keine einzige schliessen werden», sagte er vor der Premiere von «Nachtträume» im Interview mit dem Magazin des Opernhauses Zürich. Und weiter: «Wir müssen Türen öffnen, um zu sehen, wie die Dinge am Ende miteinander in Beziehung stehen.» In einen unablässigen Dialog treten, meint er damit. Und nicht aufhören Fragen zu stellen, die so noch nicht gestellt wurden. Und Sehgewohnheiten aufbrechen. Und eine neue Ästhetik heraufbeschwören, die sich vor allem aus der Form und nicht aus Emotionen speist und die dennoch Katalysator für starke Gefühle sein kann. Dazu trägt natürlich auch die Auswahl der Musik bei, die eigens komponierte Sequenzen der katalanischen Komponistin und Sounddesignerin Clara Aguilar mit klassischen Stücken von Rachmaninow oder Schubert kontrastiert. Und damit einen Klangteppich von atmosphärischer Dichte ausbreitet, der von Groteske bis hin zu albtraumartiger Düsternis und Verlorenheit reicht. In dem momentweise auch der menschlichen Stimme Raum gegeben wird: wenn eine Passage aus Calderón de la Barcas berühmtem Stück «La vida es sueño» (Das Leben ein Traum) rezitiert wird. Oder das Schubert-Lied «Nacht und Träume» sich unerwartet erhebt und in seiner romantischen Verklärtheit die surrealen Bilder auf der Bühne ad absurdum führt. Oder wenn die sonst stummen Tänzer und Tänzerinnen plötzlich zu singen beginnen.
Genau diese Kontraste sind es, auf die Morau in jeder seiner Bühnenschöpfungen abzielt. Und die in ihrer Gleichzeitigkeit die Fülle und die Absurdität des Lebens widerspiegeln. Das buchstäblich vor Augen und Ohren geführt zu bekommen, ist kein leichtes Unterfangen, ist nie nachlassende Herausforderung und zutiefst befriedigende Erfahrung zugleich.
Opernhaus Zürich
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