Daluz Gonzalez Architekten – Die Raumpoeten

Frank Joss 10.07.2026

17 Minuten

Architektur
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Daluz Gonzalez Architekten – Die Raumpoeten

Foto: Juan Gonzalez und Ruben Daluz

Casa Jia

Casa Jia

Architektur

Daluz Gonzalez Architekten ist ein Zürcher Büro, das seit seiner Gründung im Jahr 2011 eine eigenständige architektonische Handschrift entwickelt hat. Die beiden Partner Rubén Daluz und Juan González verbindet jedoch eine längere gemeinsame Geschichte: Bereits seit 2006 arbeiten sie an Projekten, die vom verdichteten Wohnungsbau bis zur privaten Villa reichen und stets von einer sorgfältigen Auseinandersetzung mit Raum, Kontext und Lebensqualität geprägt sind.

Im Zentrum ihrer Arbeit steht kein linearer Entwurfsprozess, sondern ein offenes Denken in Möglichkeiten. Architektur entsteht hier aus dem gleichzeitigen Entwickeln, Verwerfen und Weiterdenken unterschiedlicher Ideen. Faktoren wie Ort, Nutzung, Konstruktion, Licht oder Material werden analysiert, visualisiert und in zahlreiche räumliche Szenarien übersetzt. Aus dieser Vielfalt kristallisiert sich im intensiven Dialog mit den Auftraggebern jene Lösung heraus, die den Charakter einer Aufgabe präzise erfasst und ihr eine unverwechselbare Form verleiht.

Die zunehmende Komplexität des Bauens versteht das Büro nicht als Einschränkung, sondern als Chance zur Zusammenarbeit. In enger Kooperation mit Fachleuten aus Baumanagement, Ingenieurwesen, Landschaftsarchitektur, Gebäudetechnik und Ökologie entstehen Projekte, die gestalterische Qualität mit technischer Präzision verbinden. Die besondere Stärke von Daluz Gonzalez Architekten liegt dabei in der Fähigkeit, anspruchsvolle Prozesse zu koordinieren und daraus Architektur zu schaffen, die nicht nur funktional überzeugt, sondern eine eigene Identität entwickelt – präzise, zeitgemäss und von nachhaltiger Relevanz.

Heiligtum der Stille: Licht, Innenhöfe, gefilterte Ausblicke und die sinnliche Präsenz von Materialien schaffen Räume, in denen Zeit ihre Dringlichkeit verliert. Die Architektur wird zum säkularen Heiligtum der Stille.

Architektur

Architektur zwischen technologischer Komplexität, menschlicher Sinnlichkeit und der Sehnsucht nach Beständigkeit.

Architektur bewegt sich stets zwischen Dauer und Veränderung. Wie entwirft man Gebäude für eine Zukunft, deren gesellschaftliche, technologische und ökologische Bedingungen wir noch nicht kennen?

Juan González: Architektur ist ihrem Wesen nach auf Dauer angelegt. Gebäude sollen bestehen, Zeit überdauern und Zeugnis ihrer Epoche ablegen. Doch gerade weil sich die Zukunft weder gesellschaftlich noch technologisch zuverlässig prognostizieren lässt, liegt die Aufgabe der Architektur nicht darin, sie vorwegzunehmen. Sie besteht vielmehr darin, die Gegenwart mit grösstmöglicher Sorgfalt zu gestalten. Wir versuchen nicht, die Technologien von morgen zu erraten. Stattdessen setzen wir auf typologische Robustheit und strukturelle Klarheit. Ein zukunftsfähiges Gebäude zeichnet sich durch räumliche Grosszügigkeit, konstruktive Einfachheit und die Fähigkeit aus, unterschiedliche Nutzungen aufzunehmen. Architektur sollte nicht auf Funktionen reagieren, die bald veralten, sondern Bedingungen schaffen, die Veränderung ermöglichen. Dauer entsteht nicht durch Vorhersage, sondern durch Offenheit.

In einer Zeit permanenter Beschleunigung wächst die Sehnsucht nach Orten der Ruhe. Ist Architektur heute mehr denn je die Kunst der Verlangsamung?

Architektur war immer auch Schutzraum. Wie einst die Höhle Schutz vor der Welt bot, muss das Haus heute ein Ort sein, der Intimität, Konzentration und Ruhe ermöglicht. Angesichts einer Kultur der ständigen Verfügbarkeit wird die Schaffung solcher Räume zu einer der vornehmsten Aufgaben der Disziplin. Architektur kann als akustischer, visueller und emotionaler Filter wirken. Der Übergang von der Hektik des öffentlichen Raums in die Geborgenheit des Wohnens wird zum Ritual der Entschleunigung. Licht, Innenhöfe, gefilterte Ausblicke und die sinnliche Präsenz von Materialien schaffen Räume, in denen Zeit ihre Dringlichkeit verliert. Die Architektur wird zum säkularen Heiligtum der Stille.

Der moderne Mensch lebt zunehmend in digitalen Räumen. Welche Rolle kommt der physischen Architektur zu, wenn ein immer grösserer Teil unserer Realität immateriell wird?

Je digitaler unser Alltag wird, desto wichtiger wird die physische Welt. Der Bildschirm kann Bilder vermitteln, aber keine räumliche Erfahrung ersetzen. Architektur spricht alle Sinne an: den Geruch von Holz, die Temperatur eines Materials, das wechselnde Licht auf einer Wand, die Akustik eines Raumes. Das Virtuelle bleibt letztlich eine mentale Projektion. Architektur hingegen verlangt Präsenz. Sie erinnert uns daran, dass wir körperliche Wesen sind, die Orientierung, Berührung und Verankerung brauchen. Gerade im digitalen Zeitalter wird die gebaute Umwelt zum Gegenpol der Entmaterialisierung – und damit zu einem zentralen Ort menschlicher Erfahrung.

Hat Architektur die Aufgabe, gesellschaftliche Entwicklungen abzubilden, oder sollte sie Gegenbilder entwerfen?

Sie muss beides leisten. Architektur reagiert auf gesellschaftliche Veränderungen, darf sich aber nicht darauf beschränken, sie lediglich abzubilden. Wo sie nur Marktlogiken oder technokratische Optimierung reproduziert, wird sie zum blossen Behälter. Jeder Entwurf sollte deshalb auch eine Frage an die Gegenwart sein. Architektur kann alternative Formen des Zusammenlebens erproben, räumliche Beziehungen neu denken und Vorstellungen von Wohlstand hinterfragen. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, Antworten zu liefern, sondern Möglichkeiten sichtbar zu machen.

Welche Bauaufgaben verkörpern heute den Zeitgeist unserer Gesellschaft?

Während frühere Epochen ihre Werte in Kathedralen, Palästen oder Rathäusern manifestierten, entstehen die Ikonen der Gegenwart häufig in Form von Flughäfen, Stadien oder Einkaufszentren. Doch die eigentliche architektonische Aufgabe unserer Zeit liegt woanders: im Wohnen. Der Wohnungsbau bündelt die grossen Fragen unserer Gesellschaft – von Nachhaltigkeit und Energie bis zu neuen Familienformen und psychischem Wohlbefinden. Das Haus ist heute die eigentliche Kathedrale unserer Zeit. Wer Wohnraum entwirft, gestaltet den Mikro-Urbanismus von morgen.

Viele Gebäude werden nach Effizienz und Nachhaltigkeit beurteilt. Gibt es Eigenschaften von Architektur, die sich jeder Messbarkeit entziehen?

Die wichtigsten Qualitäten der Architektur lassen sich oft nicht quantifizieren. Atmosphäre, Proportion, Licht, räumliche Spannung oder die stille Würde alternder Materialien entziehen sich jeder Excel-Tabelle. Ob ein Gebäude gelingt, zeigt sich erst im gelebten Alltag. Wenn Menschen sich einen Ort selbstverständlich aneignen, ihn nutzen, verändern und zu ihrem eigenen machen, beginnt Architektur ihre eigentliche Bedeutung zu entfalten. Ihr tiefster Wert liegt nicht im Messbaren, sondern in ihrer Fähigkeit, Zugehörigkeit und Erinnerung zu stiften. Wie Antoni Gaudí formulierte: «Primero el amor, después la técnica.» Zuerst die Liebe, dann die Technik.

Liegt die Zukunft der Architektur in immer intelligenteren Gebäuden oder in radikaler Reduktion?

Diese Gegenüberstellung ist irreführend. Gute Architektur integriert Komplexität, ohne sie sichtbar werden zu lassen. Technische Systeme dürfen vorhanden sein, sollten aber nicht den Charakter eines Gebäudes bestimmen. Die eigentliche Intelligenz liegt in der Einfachheit. Gebäude mit guter Orientierung, natürlicher Belüftung, hoher thermischer Trägheit und klaren Strukturen altern würdevoller als hochautomatisierte Systeme. Die Zukunft gehört einer Architektur, die technologisch präzise, aber räumlich und materiell reduziert ist. Nicht Hightech um seiner selbst willen, sondern Lowtech mit hoher kultureller und räumlicher Qualität.

Stille Choreo­grafie des Wohnens. Vom Wechselspiel zwischen Rückzug und WEITE.

Architektur

Was werden zukünftige Historiker in der Architektur des frühen 21. Jahrhunderts über unser Menschenbild erkennen?

Sie werden vermutlich einen Widerspruch entdecken. Einerseits eine Gesellschaft, die von Effizienz, Geschwindigkeit und kurzfristiger Rentabilität geprägt war; andererseits die Sehnsucht nach Verwurzelung, Gemeinschaft und Dauer. In vielen Gebäuden werden sie den Glauben an Optimierung und Konsum erkennen. In anderen eine Gegenbewegung: die Suche nach Materialität, Naturverbundenheit und zeitloser Schönheit. Vielleicht wird genau diese Spannung das architektonische Zeugnis unserer Epoche sein. Die entscheidende Frage, die unsere Gebäude hinterlassen, könnte lauten: Wollten wir in Häusern leben – oder in Geräten?

CASA JIA ist ein Haus zwischen den Kulturen. Geprägt von asiatischen Raumvorstellungen und der Präzision schweizerischer Architektur, steht die Villa auf einem steilen Hanggrundstück über dem Zürichsee – an der Schwelle zwischen bebautem Raum und offener Landschaft.

Bereits die Annäherung macht dieses Spannungsfeld erfahrbar. Auf Wunsch der Bauherrin wurde die Strassenfassade nach chinesischem Vorbild als geschlossene, nahezu introvertierte Front ausgebildet. Das helle Betonsockelgeschoss erscheint bewusst zurückhaltend. Aus dieser monolithischen Ruhe tritt einzig der präzise quadratische Eingang hervor, als wäre er aus dem Volumen herausgeschnitten. Eine scheinbar schwebende Steinstufe markiert den Übergang vom Gartenweg ins Haus. Es ist ein Moment des Innehaltens – eine räumliche Schwelle zwischen Aussen und Innen, Alltag und Rückzug. Auch die unregelmässig gefügten Steinplatten der Gartentreppe erinnern an asiatische Gartenkunst, in der Wege nicht nur verbinden, sondern Erlebnisse inszenieren.

Der massive Sockel erfüllt dabei mehr als eine konstruktive Funktion. Er hebt das Wohnhaus über das Terrain und eröffnet den Blick über den Zürichsee bis in die Alpen. Während hier Gästezimmer, Fitnessraum und dienende Räume untergebracht sind, entfaltet sich das eigentliche Wohnen in den oberen Ebenen. Zugleich ermöglicht die erhöhte Plattform die ebenerdige Einbindung des Pools in die Terrasse des Wohngeschosses. Der Weg durch das Haus folgt einer klaren Dramaturgie. Nach dem Eintritt führt ein gerader Treppenlauf durch das geschlossene Sockelgeschoss nach oben. Erst dort öffnet sich der Raum unvermittelt in alle Richtungen. Die rückwärtige Hangkante wird zur horizontalen Wohnlandschaft fortgeführt; Innen- und Aussenraum treten in einen stillen Dialog.

Zwei präzise gesetzte Kuben mit Schlafzimmern, Bädern und Lift gliedern den offenen Grundriss. Ihre Anordnung erinnert an die klassische Moderne, die Offenheit nicht als Grenzenlosigkeit versteht, sondern durch Ordnung und Rhythmus strukturiert. Im Zentrum liegt der Essbereich – ein Ort zwischen Wald und Panorama, zwischen Landschaftsraum und Seeblick. Wohnbereich und Küche werden durch einen halbkreisförmigen Patio miteinander verbunden und zugleich voneinander differenziert. In seiner Mitte wächst ein grosser Baum, dessen Krone den Himmel rahmt. Ursprünglich sollte er aus einem runden Wasserbecken mit Seerosen emporwachsen – eine Reminiszenz an asiatische Gartenbilder, in denen Wasser, Spiegelung und Vegetation eine Einheit bilden. Gebogene Glasflächen und eine kreisförmige Deckenöffnung verstärken die fliessende Kontinuität des Raumes. So entsteht eine einladende, beinahe umarmende Geste als bewusster Kontrast zur Verschlossenheit des Sockels.

Im obersten Geschoss verdichtet sich die Architektur erneut zu einer Komposition aus Rückzug und Ausblick. Elternschlafzimmer und Arbeitszimmer orientieren sich zum See und spiegeln die Lebensweise einer Bauherrschaft wider, deren beruflicher Alltag eng mit dem Zuhause verbunden ist. Besonders bemerkenswert ist das zentral angeordnete, zweigeteilte Bad. Wie der Essbereich darunter liegt es im Schnittpunkt von Wegen und Blickachsen. Die Landschaft scheint vom rückwärtigen Wald bis zum See durch den Raum hindurchzufliessen. Architektur wird hier zur Choreografie des Lebens.

Der Arbeitsbereich mit integrierter Teeküche öffnet sich zu einer oberen Terrasse. Ein Atrium auf der Landschaftsseite gliedert ihn in zwei Arbeitsplätze und bringt Licht, Luft und Natur tief ins Hausinnere. Dem ursprünglichen Entwurf lag zudem die Idee konstruktiver Gegensätze zugrunde: Dem schweren Betonsockel sollte eine leichte Holzkonstruktion der oberen Geschosse gegenüberstehen. Die raumbildenden Kuben waren als aluminiumverkleidete Körper gedacht – leicht, reflektierend und beinahe immateriell. Ihre Oberfläche hätte die Grenzen zwischen Architektur und Umgebung optisch aufgeweicht und die wechselnden Stimmungen von Himmel, Wald und See ins Haus getragen. So erzählt CASA JIA von Übergängen: zwischen Kulturen und Landschaften, Schutz und Offenheit, Rückzug und Weite. Es ist ein Haus, das nicht nur Räume schafft, sondern Erfahrungen – eine Architektur der Schwellen, Ausblicke und stillen Verbindungen.

CASA JIA bewegt sich zwischen asiatischen Raumvorstellungen und schweizerischer Architekturtradition. Wie haben Sie diese beiden kulturellen Perspektiven in eine gemeinsame architektonische Sprache übersetzt?

Ruben Daluz: Für uns ging es nie darum, asiatische Motive zu zitieren oder schweizerische Präzision als reine Konstruktion zu verstehen. Entscheidend war die räumliche Übersetzung beider Haltungen: die asiatische Vorstellung von Schwelle, Rückzug und Garten sowie die schweizerische Klarheit und konstruktive Logik. So entstand eine Architektur, die ihre kulturellen Bezüge nicht ausstellt, sondern erfahrbar macht. Die Sequenz aus Fassade, Eingang, Steinstufe und Gartenweg wirkt wie ein Ritual. Gleichzeitig sind Sockel, Kuben, Patio und Deckenöffnung klar komponiert. Wir haben keine zwei Sprachen kombiniert, sondern eine gemeinsame Grammatik aus Masse, Leere, Licht und Landschaft entwickelt.

Die Strassenfassade präsentiert sich bewusst geschlossen und introvertiert, während sich das Haus zum See hin vollständig öffnet. Welche Rolle spielt dieser Gegensatz von Schutz und Offenheit in Ihrem Architekturverständnis?

Dieser Gegensatz ist für uns ein zentrales Thema. Wohnen braucht nicht nur Transparenz und Aussicht, sondern auch Schutz und Intimität. Deshalb verhält sich das Haus zur Strasse bewusst zurückhaltend, während es sich zum See öffnet. Uns interessiert diese Spannung, weil sie dem Haus Tiefe verleiht. Die geschlossene Fassade bereitet den Moment der Öffnung vor. Erst nach dem Durchschreiten des Sockels entfaltet sich der Blick auf See und Alpen. Schutz und Offenheit sind für uns keine Gegensätze, sondern ergänzende Qualitäten guten Wohnens.

Der Weg durch das Haus folgt einer klaren Dramaturgie – vom kompakten Eingang über den Aufstieg bis zur überraschenden Öffnung des Wohnraums. Wie wichtig ist Ihnen die Inszenierung von Bewegung und Raumwahrnehmung beim Entwerfen?

Sehr wichtig. Wir verstehen Architektur als Abfolge von Wahrnehmungen. Ein Haus erschliesst sich im Gehen, im Wechsel von Enge und Weite, Licht und Schatten. Bei CASA JIA tritt man zunächst in einen gefassten Eingang ein und erlebt erst nach dem Aufstieg die Offenheit der Wohnebene. Diese Verzögerung war bewusst gesetzt. Sie verleiht dem Blick Wert und Spannung. Treppe, Lichtwechsel und die Beziehung zwischen Patio, Wohnraum und Landschaft bilden eine räumliche Erzählung, die den Alltag begleitet.

Der halbkreisförmige Patio mit dem zentralen Baum bildet das Herzstück des Hauses. Welche Bedeutung haben solche naturbezogenen Elemente für die Atmosphäre und das Erleben von Architektur?

Der Patio ist für uns kein dekoratives Element, sondern ein räumliches Zentrum. Der Baum definiert die Mitte des Hauses und bringt durch Licht, Wetter und Jahreszeiten Zeit in die Architektur. Gleichzeitig strukturiert der Patio den Grundriss. Er verbindet Wohnen und Küche und schafft mit der gebogenen Verglasung und der runden Deckenöffnung einen Ort zwischen Innen und Aussen. Natur wird dabei nicht zur Kulisse, sondern zu einem aktiven Teil der Raumwahrnehmung.

Im Text wird Architektur als «Choreografie des Lebens» beschrieben. Wie übersetzen Sie alltägliche Abläufe und Rituale der Bewohner in räumliche Strukturen?

Wir beginnen nicht bei Funktionen, sondern bei Beziehungen. Uns interessiert, wie Menschen ankommen, sich begegnen oder zurückziehen. Daraus entstehen räumliche Strukturen, die Möglichkeiten eröffnen, statt Abläufe festzulegen. Bei CASA JIA zeigt sich das in der klar gegliederten Wohnebene sowie in der Organisation des Obergeschosses. Schlafen, Arbeiten, Bad und Terrasse sind Teil eines alltäglichen Rhythmus. Unser Ziel ist es, solche Rituale räumlich selbstverständlich und zugleich besonders erlebbar zu machen.

CASA JIA erzählt von Übergängen – zwischen Kulturen, Landschaften, Rückzug und Weite. Würden Sie sagen, dass gerade diese Schwellenräume und Zwischenzustände den eigentlichen Charakter des Hauses ausmachen?

Ja, absolut. Der Charakter von CASA JIA liegt vor allem in den Übergängen: vom Garten zur Tür, vom Sockel zur Wohnebene, vom Patio zum See. Diese Schwellen erzeugen die Identität des Hauses. Gerade die Zwischenräume verleihen ihm Ruhe. Es gibt keine abrupten Kontraste, sondern sorgfältig geführte Wechsel zwischen Innen und Aussen, Schutz und Weite. Darin verdichtet sich unsere Haltung: nicht das spektakuläre Objekt steht im Mittelpunkt, sondern eine Architektur, die den Wandel der Welt bewusst erfahrbar macht.

Casa Saga

Casa Saga

Architektur

Die Villa wirkt wie aus einzelnen, übereinandergeschichteten Gedanken gebaut. Kuben verschieben sich gegeneinander, treten hervor oder ziehen sich zurück, öffnen sich dem Licht oder verschliessen sich der Welt. Jede Volumetrie scheint einer eigenen Logik zu folgen und fügt sich dennoch zu einer überraschend harmonischen Gesamtkomposition. Es ist ein Haus, das nicht auf den ersten Blick vollständig erfassbar ist, sondern sich Schritt für Schritt erschliesst. Die rohe Kraft des Betons wird dabei von einer unerwarteten Leichtigkeit begleitet. Was auf den ersten Blick an den Brutalismus erinnert, offenbart sich bei näherer Betrachtung als dessen poetische Verwandlung. Beton wird weich, Schwere wird Bewegung, Geometrie wird Landschaft. Licht gleitet über die Oberflächen und verleiht dem Material eine beinahe immaterielle Qualität. Je nach Tageszeit verändert sich die Wirkung des Hauses und erzeugt immer neue Perspektiven auf seine Architektur. Die CASA SAGA entstand unter besonderen Rahmenbedingungen. Restriktionen, komplexe Vorgaben und räumliche Herausforderungen wurden nicht als Hindernisse verstanden, sondern als Ausgangspunkt eines kreativen Prozesses. Gerade aus diesen Begrenzungen entwickelte sich eine Architektur, die von Präzision und Konsequenz geprägt ist. Jede Verschiebung eines Baukörpers, jede Öffnung und jeder Einschnitt folgt einer sorgfältig durchdachten räumlichen Dramaturgie.

Dabei entsteht ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Offenheit und Geborgenheit. Grosszügige Ausblicke verbinden das Haus mit seiner Umgebung, während geschützte Innenhöfe und zurückversetzte Bereiche Momente der Intimität schaffen. Die Bewohner bewegen sich durch eine Abfolge von Räumen, die immer wieder neue Blickbeziehungen eröffnen und den Alltag zu einer räumlichen Erfahrung machen. Die Architektur entfaltet ihre Wirkung nicht durch dekorative Elemente, sondern durch Proportion, Licht und Material. Sie lebt von Spannungen: zwischen Massivität und Transparenz, zwischen Monumentalität und menschlichem Massstab, zwischen Rationalität und Emotion. Gerade diese Gegensätze verleihen der Villa ihre besondere Präsenz. Die CASA SAGA ist damit weit mehr als ein Einfamilienhaus. Sie ist eine Untersuchung darüber, wie Architektur aus Restriktionen Poesie entwickeln kann – und wie ein Gebäude zu einer räumlichen Komposition wird, in der jede Verschiebung, jede Öffnung und jede Oberfläche Teil eines grösseren Ganzen ist. Sie zeigt, dass Architektur nicht nur gebauter Raum ist, sondern eine Erzählung aus Licht, Material und Bewegung.

Glas, so weit das Auge reicht. Die Architektur tritt zurück und überlässt der Natur die Hauptrolle. Akt für Akt. Die grosszügigen Verglasungen der Krapf AG, Metall- und Fassadenbau in Engelburg, verbinden technische Präzision mit handwerklicher Exzellenz und schaffen eine wunderbar erträgliche Leichtigkeit des Seins.

Architektur

Die CASA SAGA entsteht auf einem Grundstück voller Einschränkungen. Ist gute Architektur letztlich die Kunst, Grenzen nicht zu überwinden, sondern produktiv zu machen?

Ruben Daluz: Ja. CASA SAGA begann nicht mit einer freien Form, sondern mit klaren Bedingungen: ein schmales Hanggrundstück, enge Grenzabstände, begrenzte Seesicht und komplexe Beziehungen zwischen Strasse, Garten, Pool und Topografie. Diese Einschränkungen haben wir nicht als Hindernis, sondern als Entwurfsgrundlage verstanden. Weil kein ruhiges Gesamtvolumen möglich war, wurde das Haus fragmentiert. Die Geschosse verschieben sich gegeneinander, jeder Baukörper erhält eine eigene Funktion und Beziehung zu Licht, Aussicht oder Rückzug. So entsteht die Identität des Hauses: keine Kompromissform, sondern eine Komposition, in der jede Verschiebung räumlich und gestalterisch begründet ist.

Der Brutalismus galt lange als Ausdruck von Kraft und Konsequenz. Sie sprechen hier von einem «zarten» Brutalismus. Wie kann Architektur gleichzeitig roh und poetisch sein?

Uns interessiert am Brutalismus weniger die Schwere als seine Ehrlichkeit: das Direkte, Konstruktive und Körperhafte. Bei CASA SAGA wollten wir diese Kraft jedoch nicht monumental wirken lassen. Die ­mineralischen Volumen werden durch Licht, ­Proportionen, Auskragungen und unterschiedliche Betonoberflächen differenziert. Geschliffene, gestockte und sandgestrahlte Flächen verleihen dem Material eine beinahe textile Wirkung. Im Inneren verschmelzen Kücheninsel, Cheminée und Sitzstufen zu einer hellen, skulpturalen Landschaft. Roh ist die Architektur durch ihre Materialität und Klarheit. Poetisch wird sie durch Licht, Schatten und die Spannung zwischen Massivität und Leichtigkeit.

Die Villa wirkt wie eine Komposition aus verschobenen Körpern. Entwerfen Sie Gebäude manchmal eher wie eine Skulptur oder ein Musikstück?

Wir verstehen ein Haus nicht als Objekt, sondern als räumliche Partitur. Bei CASA SAGA verhalten sich die einzelnen Kuben wie Stimmen einer Komposition: Sie treten hervor, ziehen sich zurück, öffnen sich zur Aussicht oder schaffen Schutz. Darin liegt eine Nähe zur Skulptur, weil wir mit Masse, Leere, Gewicht und Schatten arbeiten. Gleichzeitig hat das Projekt etwas Musikalisches, da seine Wirkung erst in der Bewegung entsteht. Man erlebt das Haus über eine Abfolge von Räumen – vom Eingang bis zur Attika. Wichtig ist, dass die Komposition nie Selbstzweck wird. Jeder Körper ist mit einer Nutzung, einem Blick oder einer Atmosphäre verbunden.

Viele Wohnhäuser streben nach maxi­maler Transparenz. Ist Privatheit heute zu einem architektonischen Luxus geworden?

Privatheit ist heute tatsächlich ein kostbarer räumlicher Zustand. Viele Häuser setzen Offenheit mit vollständiger Transparenz gleich. Uns interessiert eine differenziertere Form von Offenheit: Räume sollen Weite ermöglichen, ohne sich vollständig preiszugeben. CASA SAGA arbeitet deshalb mit grossen Verglasungen, geschlossenen Betonflächen und geschützten Aussenräumen. Die Küche blickt in die Landschaft, der Wohnbereich öffnet sich zur Aussicht und bleibt zugleich gefasst. Auch das Bad orientiert sich nach aussen, ohne an Intimität zu verlieren. Qualität entsteht für uns nicht durch maximale Sichtbarkeit, sondern durch kontrollierte Durchlässigkeit.

Die Treppe erscheint fast als eigenständige Figur im Raum. Warum besitzen Übergänge und Bewegungen für Sie eine so grosse Bedeutung?

Übergänge sind oft die Orte, an denen Architektur am intensivsten erfahrbar wird. In CASA SAGA ist die Treppe nicht nur Erschliessung, sondern ein räumliches Ereignis. Sie beginnt im Entrée, wird zur Holzbrücke über dem Luftraum und führt bis ins Attikageschoss. Weil sie die Wände nicht berührt, erscheint sie als eigenständige Figur. Dadurch wird Bewegung sichtbar und räumlich erlebbar. Die Treppe verbindet die fragmentierten Volumen, ordnet Blickbeziehungen und schafft Orientierung. Solche Bewegungsräume geben dem Alltag Rhythmus, Richtung und Erinnerung.

Wann beginnt Architektur für Sie mehr zu sein als gebauter Raum?

Architektur wird für uns dann mehr als gebauter Raum, wenn sie Beziehungen schafft, die über die Funktion hinausgehen. Bei CASA SAGA entsteht dies im Zusammenspiel von Licht, Beton, Landschaft und Bewegung. Die Fassade zeigt die innere Ordnung des Hauses, der Beton reagiert auf Licht und Jahreszeiten, und die Landschaft wird über Terrassen, Pool und Ausblicke Teil des Wohnens. Im Inneren verbinden Kücheninsel, Cheminée, Sitzbereich und Treppe die Rituale des Alltags. Wenn sich diese Elemente gegenseitig verstärken, entsteht Atmosphäre. Dann wird Architektur zu einer räumlichen Erzählung, die dem Leben ihrer Bewohner Form gibt.

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Daluz Gonzalez Architekten AG
Mühlebachstrasse 28
8008 Zürich
044 252 53 00 daluzgonzalez.ch