Soulspace

Frank Joss 10.07.2026

6 Minuten

Stilwelten
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Foto: Diyala Kayiran. Portrait: Nina Luginbühl

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Stille als Inspiration. Oder vom Mut, der inneren Stimme zu folgen.

Manchmal beginnt eine neue Lebensrichtung nicht mit einem Plan, sondern mit einem leisen inneren Wissen. Es ist jener kaum hörbare Impuls, der sich den Logiken des Lebens widersetzt und dennoch beharrlich bleibt. Nina Luginbühl kennt diesen Moment. Nach Jahren in der Welt der Paragrafen und klaren Strukturen entschied sie sich für einen Weg, der weniger von Gesetzen als von Erfahrung, Wahrnehmung und Vertrauen geprägt ist. Heute führt sie mehrere Yogastudios, begleitet Menschen auf ihrem Weg zu mehr Bewusstsein und verkörpert eine Haltung, die Freiheit nicht als Abwesenheit von Grenzen versteht, sondern als Nähe zum eigenen Wesen. Wer ihr begegnet, spürt schnell, dass Yoga für sie weit mehr ist als eine körperliche Praxis. Es ist eine Lebensform, eine Schule der Aufmerksamkeit und ein tägliches Üben von Präsenz.

In einer Zeit, die von Beschleunigung, Selbstoptimierung und permanenter Erreichbarkeit geprägt ist, wirken ihre Räume wie eine Einladung zum Innehalten. Nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als bewusste Hinwendung zu ihr. Denn Stille bedeutet hier nicht Leere, sondern die Möglichkeit, sich selbst wieder zu hören. Gleichzeitig ist Nina Luginbühl Unternehmerin, Teamleiterin und nun auch auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt: die Mutterschaft. Im Gespräch redet sie über Intuition und Unternehmertum, über die Kunst des Loslassens, die Kraft des Atems und darüber, weshalb wahre Balance weniger ein Zustand als vielmehr eine tägliche Praxis ist. Ein Austausch über innere Räume, äussere Verantwortung und die stille Revolution, sich selbst treu zu bleiben.

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Was hat Sie innerlich dazu bewegt, den klar strukturierten Weg der Juristerei zu verlassen und sich dem Yoga zuzuwenden?

Yoga eröffnet die Möglichkeit, Menschen sowohl körperlich als auch seelisch zu stärken. Es schenkt Orientierung, Zuversicht und oft auch neues Licht auf das eigene Leben. Diese Form der Begleitung hat mich tief berührt.

War dieser Wechsel ein Bruch mit Ihrem bisherigen Leben oder eher eine konsequente Weiterentwicklung?

Weder noch. Rückblickend war es vor allem ein Schritt, der aus einer tiefen Intuition heraus entstanden ist. Ich habe weniger einer Strategie als vielmehr einer inneren Stimme vertraut.

Welche Rolle spielt Freiheit in Ihrem Leben – und hat sich Ihre Definition davon verändert?

Freiheit ist für mich ein zentraler Wert. Nicht zufällig lautet das Leitmotiv unserer drei Studios: Into the Great Wide Open. Freiheit bedeutet für mich die Möglichkeit, authentisch zu leben und den eigenen Weg zu gehen.

Gibt es etwas aus Ihrer juristischen Ausbildung, das Sie bis heute begleitet?

Absolut. Struktur und Klarheit sind wichtige Grundlagen meiner Arbeit. Sie helfen mir dabei, ein Team von rund fünfzig Menschen zu führen und einen Raum zu halten, in dem Gemeinschaft wachsen kann. Gute Organisation schafft Vertrauen und ermöglicht Verbundenheit.

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Was gibt Ihnen Yoga auf einer Ebene, die über das Körperliche hinausgeht?

Gesundheit, seelisches Wohlbefinden, Selbstvertrauen und eine Form von innerer Unabhängigkeit. Yoga stärkt die Beziehung zu sich selbst.

Gibt es einen Moment in Ihrem Studio, in dem Sie sich selbst besonders nah sind?

Nach einer intensiven, wärmenden Praxis im Savasana, der Endentspannung. In diesen Momenten entsteht oft eine besondere Klarheit und Verbundenheit mit mir selbst.

Wie hat Yoga Ihre Beziehung zu sich selbst verändert?

Ich lebe heute authentischer. Ich begegne meinem Umfeld bewusster, schätze den Austausch mit unserer Community und habe gelernt, Gesundheit als etwas Wertvolles zu achten und zu pflegen.

Was lernen Sie durch Yoga auch nach vielen Jahren immer wieder neu?

Bescheidenheit. Dankbarkeit. Und die Fähigkeit, Menschen dort wahrzunehmen, wo sie gerade stehen. Yoga erinnert mich täglich daran, wie viel Kraft in Mitgefühl und Hilfsbereitschaft liegt.

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Gibt es etwas, das Yoga Ihnen gegeben hat, was Sie früher nicht gefunden haben?

Der Atem. Für mich ist er weit mehr als ein körperlicher Vorgang. Er ist die Brücke zwischen äusserer Wahrnehmung und innerem Bewusstsein – ein direkter Weg zu Ruhe und Präsenz.

Hat Yoga Ihre Wahrnehmung von Zeit verändert?

Ja. Durch die Praxis wird Zeit weniger zu etwas, das vergeht, und mehr zu etwas, das bewusst erlebt werden kann.

Was bedeutet Loslassen für Sie – und wie üben Sie es im Alltag?

Für mich beginnt Loslassen oft mit etwas sehr Ein-fachem: dem bewussten Ausatmen. Im Alltag übe ich es, indem ich mir absichtslose Zeit schenke – Momente ohne Ziel, ohne Agenda, ganz im Jetzt.

Glauben Sie, dass Berufung etwas ist, das man findet, oder etwas, das einen findet?

Ich glaube, dass die Berufung uns findet. Dabei meine ich nicht nur den Beruf, sondern die Art und Weise, wie wir leben, handeln und anderen Menschen begegnen.

Wie hat Yoga Ihre Sicht auf Leistung und Erfolg verändert?

Leistung bedeutet für mich heute nicht mehr primär Performance oder Messbarkeit. Sie zeigt sich vielmehr in einer steigenden Lebensqualität und in der Bereitschaft, kontinuierlich in das eigene Wohlbefinden zu investieren.

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War Ihr Weg vor allem mutig oder notwendig, um sich selbst treu zu bleiben?

Wahrscheinlich beides. Jeder Schritt ins Unbekannte verlangt Mut. Der Weg in die Selbstständigkeit vor über zehn Jahren und dann etwas später ins Unternehmertum war und ist herausfordernd, aber gleichzeitig auch zutiefst erfüllend.

Glauben Sie, dass sich Prioritäten verändern müssen, wenn man ein Kind erwartet – oder werden sie lediglich sichtbarer?

Prioritäten verschieben sich zweifellos. Vielleicht ist genau das die Praxis abseits der Yogamatte. Eine Einladung, das Wesentliche immer neu zu erkennen und das eigene Leben bewusst auszurichten.

Welche Werte möchten Sie sowohl in Ihrem Studio als auch als Mutter weitergeben?

Offenheit. Menschliche Wärme. Empathie. Und die Fähigkeit, anderen Menschen unvoreingenommen zu begegnen.

Wie definieren Sie heute Balance?

Es ist ein Begriff, der oft überstrapaziert wird. Ich spreche lieber von Ausgeglichenheit. Sie ist kein endgültiger Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess des Ausrichtens und Neujustierens.

Wenn Sie auf Ihren bisherigen Weg blicken: Welche Rolle spielt der Zufall und welche die bewusste Entscheidung?

Bewusste Entscheidungen geben eine Richtung vor. Zufälle hingegen verändern den Verlauf und eröffnen Möglichkeiten, die wir niemals hätten planen können.

Welche Geschichten erzählt Ihnen die Stille auf der Matte?

Die Stille erzählt von dem, was unter der Oberfläche liegt. Sie erinnert mich an den inneren Kompass und an die Richtung, die wirklich zählt.

Wenn Sie ein Lied wählen müssten, das Ihr Leben beschreibt, welches wäre das?

Into the Great Wide Open von Tom Petty. Weil es für Freiheit, Aufbruch und Vertrauen in das Unbekannte steht.

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